Einführung

Die Gliederungstabellen sind das Destillat langjähriger Arbeit an den Kompositionsanalysen. Um die Darstellung und ihre Implikationen zu verstehen, muss man sich ein bisschen einlesen. Dazu sollen die folgenden Erläuterungen helfen.

Zur Darstellung allgemein

Die Gliederung der einzelnen Bücher ist in zwei parallelen Tabellen dargestellt:

  • Links die inhaltliche Gliederung des Autors, rechts seine stichometrische Disposition.
  • Beide Darstellungen sind mit Bedacht aufeinander bezogen und bestätigen sich gegenseitig.
  • Vorrang hat jedoch die inhaltliche Gliederung, die Stichometrie rechnet nur nach;
  • d.h. die Stichometrie kann die Gliederung nicht begründen, sondern nur bestätigen.

Die einzelnen Seiten sollen dazu helfen, die betreffende Schrift als ganze ins Auge zu fassen:

  • Seite 1 bietet bei kleineren Schriften die vollständige Gliederung mit allen Absätzen;
  • bei größeren Schriften gibt die Tabelle nur einen Überblick, der auf einer Seite Platz hat.
  • Auf Seite 2 (ggf. auch 3) folgen knappe Erläuterungen, auch zur Absatz- und Textgestaltung.
  • Ab S. 3 (oder 4) folgt ggf. eine vollständige Tabelle, die jeden einzelnen Absatz registriert.

Zur inhaltlichen Gliederung

Die Abschnitte sind links nach traditioneller und nach systematischer Einteilung bezeichnet:

  • ganz links: die Einteilung nach Kapitel und Versen gemäß den heutigen Bibelausgaben
    (für die Disposition des Autors unerheblich, weil erst im 13. bzw. 16. Jh. eingeführt);
  • daneben: systematische Gliederung in Hauptteile, Teile, ggf. Unterteile und Absätze;
  • Bezifferung: nach Wittgensteins Ziffernsystem (Punkt nach Hauptteil, danach ohne Punkte);
  • Ziffer „0.“: zur Unterscheidung von (kurzem) Prolog/Briefeingang und (langen) Hauptteilen.

Die Zäsuren sind jeweils nach inhaltlichen oder formalen Textsignalen gesetzt:

  • in erzählenden Texten: beim Szenenwechsel, also Wechsel von Ort, Zeit und Personen;
  • in Briefen/Reden: bei Themenwechsel, neuer Anrede oder Zäsur-bildenden Partikeln;
  • die einzelnen Absätze sollen inhaltlich eine Einheit für sich bilden (z.B. Ringkomposition);
  • gleichrangige Absätze/Abschnitte sollen entsprechend ein gut gegliedertes Ganzes bilden.

Die Überschriften der Hauptteile / Unterteile / Absätze beziehen sich möglichst aufeinander:

  • Häufig entsprechen sich erster und letzter Teil, miteinander bilden sie eine Ringkomposition.
  • Bei fünfteiligem Aufriss korrespondieren oft die Teile 2 und 4, entsprechend bei 7 Teilen.
  • Der mittlere Teil (bezogen aufs ganze Buch oder seine Teile) ist oft auch inhaltlich zentral.
  • Die Untergliederung ergibt dadurch fast immer eine ungerade Zahl von Teilen (3, 5 oder 7).
  • Denn nach Aristoteles braucht ein Ganzes eine Mitte!

Zur stichometrischen Tabelle (einschließlich Fibonacci-Reihe)

Die Spalten links enthalten für die einzelnen Teilabschnitte das Ergebnis der Zeilenzählung:

  • erst die Zeilenzahlen des Greek New Testament (4. Aufl. 1993) zum Vergleich;
    (kolometrisch gesetzte AT-Zitate etc. sind dabei nur als Teilzeilen gerechnet);
  • dann die Zahl der Stichoi nach dem 15-Silben-Maß (in 1Tim, 2Tim, Tit: 16-Silben-Maß), und zwar in zwei Darstellungsweisen:
  • zunächst aufgerundet, d.h. die letzte Zeile im Absatz ist jeweils als Vollzeile gerechnet,
  • danach silbengenau, d.h. nach dem Doppelpunkt sind jeweils die Restsilben angegeben;
  • schließlich die Zahl der Absätze, deren Zeilenzahl zur betreffenden Summe addiert ist.

Rechts sind sechs Spalten nach Zahlen aus der Fibonacci-Reihe unterschieden:

  • Es handelt sich um eine Zahlenreihe mit Näherungswerten zum Goldenen Schnitt.
  • Sie ist benannt nach dem Mathematiker Leonardo von Pisa, Sohn des Bonaccio (um 1200).
  • Die Reihe selbst ist schon in der Antike belegt bei Nikomachos von Gerasa (um 100 n.Chr.).
  • Jede Zahl der Reihe ist Summe der beiden vorhergehenden: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55…
  • Das Verhältnis von 2 Nachbarzahlen nähert sich dem irrationalen Wert 0,6180339… an:
    2/3 = 0,666; 3/5 = 0,6; 5/8 = 0,625; 8/13 = 0,6153…; 13/21 = 0,6190…; 21/34 = 0,6176…
  • Das Quadrat einer der Zahlen differiert um ±1 vom Produkt aus den nächsten 2 Zahlenpaaren:
    z. B. 5x5 = 25; 3x8 = 24; 2x13 = 26; oder 8x8 = 64; 5x13 = 65; 3x21 = 63 usw.

Die Berechnung der Proportionen erfolgt auf der Basis von sechs Zahlen der Fibonacci-Reihe:

  • Bei größeren Schriften (ab 1000 Stichoi) scheint ein modulus von 34 Stichoi vorausgesetzt;
    weil 3x34 = 102, ist die Stichoi-Summe leicht zu berechnen: 48x34 = 3x16x34 = 1632 (Mk).
  • Bei den kleineren Schriften hat der modulus zumeist einen Umfang von 21 oder 13 Stichoi.
  • Zur Untergliederung in Hauptteile und Absätze dienen auch Bausteine von 8, 5, 3 Stichoi.
  • Absätze mit 7, 4 oder 2 Stichoi sind wo nötig als 8/2 (+ 1x3) und 8/4 Stichoi dargestellt.
  • Ganz selten weicht das Soll der letzten Spalte vom Ist der Zählung um 1 Stichos ab.

Zu den Erläuterungen

Die Erläuterung zur Gliederung gibt einen Überblick über die Komposition als ganze:

  • Die Tabelle enthält die inhaltliche Gliederung in geraffter Fassung.
  • In einer zusätzlichen Zeile wird das Thema der ganzen Schrift formuliert.
  • Im anschließenden Text wird das Gliederungsprinzip herausgestellt,
  • u. U. mit knappem Hinweis auf abweichende Abgrenzungen der Hauptteile.
  • Insbesondere wird auf Entsprechungen im Sinne einer Ringkomposition geachtet.

Die Erläuterung zur Stichometrie fasst den Ertrag der formalen Betrachtung zusammen:

  • Die Tabelle zu den Hauptteilen gibt einen Überblick über die stichometrische Disposition.
  • Dabei ist die Zeilensumme des ganzen Buchs aufgelöst als Produkt aus einer Fibonacci-Zahl.
  • Die Implikationen und Konsequenzen werden anschließend knapp kommentiert.
  • Exemplarisch folgen Beobachtungen zu Proportionen innerhalb einzelner Teilabschnitte.

Die Erläuterung zur Absatzgestaltung bezieht sich auf das GNT als Referenztext:

  • Registriert sind Abweichungen, wenn ein Absatz versetzt, neu eingefügt oder getilgt ist.
  • Begründungen sind dafür keine gegeben; es gilt, was oben zur Zäsurenfindung gesagt ist.
  • Änderungen von Ort und Zahl der Absätze können das Ist vergrößern oder verkleinern.
  • Dadurch wird es möglich, das Stichoi-Ist ans vorausgesetzte Stichoi-Soll anzugleichen.

Notiert sind hier außerdem die Stellen, an denen eine 16. Silbe am Absatzende toleriert ist:

  • Dabei lässt sich nicht entscheiden, ob der Autor selbst sich unabsichtlich verzählt
  • oder (bei entsprechend toleranten Regeln) das 15-Silben-Maß bewusst überschritten hat,
  • oder ob das Original weniger Silben hatte und erst sekundär verlängert wurde.
  • Jeweils wäre das Soll ebenso durch Reduzierung der Zahl der Absätze zu erreichen.

Die Erläuterung zur Textgestalt betrifft ebenfalls Abweichungen vom GNT:

  • Eine textkritische Variante wird nur ganz ausnahmsweise dem GNT-Text vorgezogen.
  • Anlass ist jeweils eine Differenz zwischen dem Stichoi-Ist und dem Stichoi-Soll.
  • Meistens wird der Text gekürzt, oft um textlich umstrittene Wörter in [eckiger Klammer].
  • Die Änderung wird mithilfe der bewährten textkritischen Kriterien jeweils kurz begründet;
  • dabei ist Bezeugung der Varianten mit den Sigla des Nestle27-Apparats knapp referiert.
  • Abweichungen von der Interpunktion des GNT sind fast nie registriert noch begründet.

Ertrag für die Exegese

Die stichometrische Betrachtung hilft, der Absicht des Autors besser auf die Spur zu kommen:

  • Sie erlaubt die Rekonstruktion der ursprünglichen, vom Autor intendierten Disposition.
  • Oft lässt sich stichometrisch aufzeigen, wo er seine Akzente setzt (Ringkomposition, Mitte).
  • Dazu kommt ein ästhetischer Anspruch: Die gute Botschaft soll gut geschrieben werden!
  • Dank der arithmetischen Überprüfbarkeit haben die Ergebnisse eine gewisse Objektivität.

Allerdings impliziert diese Betrachtung einige Voraussetzungen, die nicht unumstritten sind:

  • Die Autoren des NT sind rhetorisch geschult und verstehen das literarische Handwerk.
  • Sie verwenden beim Disponieren und Ausformulieren ihrer Texte das Stichos-Maß,
  • ebenso die Zahlen der Fibonacci-Reihe (deren literarische Anwendung nur erschlossen ist).
  • Jede Zeile ist mit Bedacht formuliert, ja berechnet; nichts ist unbesehen bloß übernommen.
  • Die synchrone Betrachtung hat deshalb Vorrang vor der diachron-traditionsgeschichtlichen.

Der stichometrische Ansatz wird weiter an Plausibilität gewinnen mit jeder antiken Schrift, deren Zeilenzahlen und Proportionen nachweislich aus der Fibonacci-Reihe abgeleitet sind.

Literaturhinweis

Schreiben nach Maß. Zur Stichometrie in der antiken Literatur (357 kB), bes. 54–56.