Entdeckungsgeschichte: Stichometrie als Forschungsthema

Wie kann man nur Zeilen zählen oder gar Silben!? In der Tat, das ist eine längere Geschichte. Am Anfang steht die Beobachtung, dass verschiedene Textabschnitte gleichen Umfang haben. Der Versuch, das zu erklären, führte Schritt um Schritt zu einer Verfeinerung der Methode. Am Ende steht die Erkenntnis, dass die Autoren unglaublich sorgfältig gearbeitet haben.

Erste Entdeckungen

1963 Es begann mit der Lektüre von Max Frischs Homo faber: Der Tübinger Theologiestudent hat plötzlich zurückgeblättert und zu zählen begonnen. Denn innerhalb des Aufbaus sind die Themen Technik und Natur aufeinander bezogen, in genau parallel gebauten Abschnitten, bei annähernd gleicher Seitenzahl sogar. Max Frisch war Architekt von Beruf, offenbar hat er auch literarisch konstruiert.
1963 Gleichzeitig ist in Neuauflage erschienen: „Führer durch das Kloster Maulbronn“, von Großvater Gustav Lang einst verfasst, jetzt „durchgesehen und berichtigt“ vom Enkel. Hat das Aufwachsen in alten Klöstern den Sinn geweckt für Symmetrie und Proportion, womöglich über die Architektur hinaus?
1966 Beim Bibelkunde-Studium ergaben sich erste einschlägige Beobachtungen im NT, insbesondere zum Aufbau der Apostelgeschichte.

Von Nestle- zu GNT-Zeilen

1973 Seminar zur Apostelgeschichte mit doppelter Erkenntnis:
  • insgesamt achsensymmetrischer Aufbau, in der Mitte der Apostelkonvent (15,1–35);
  • Zeilenzählen scheint sich zu lohnen: Apg 7,2–16 = 7,17–34 = je 41 Nestle25-Zeilen.
1977 Kompositionsanalyse des Markusevangeliums (1,2 MB) (ZThK), u.a. folgende Beobachtungen:
  • Aufbau analog zu einer Tragödie, mit Peripetie und Anagnorisis ab Mk 8,22;
  • Reisebericht Mk 8,22–10,45 als mittlerer Teil, Entsprechungen davor und danach;
  • Mk 3,7–8,21 = 2. Hauptteil (505 Nestle-Zeilen) = ⅓ von Mk 1,1–16,8 (1515 Zeilen);
  • Mk 3,13–6,6a = 6,6b–8,21 (246/245 Nestle-Zeilen): parallel gebaute Hauptteilhälften;
  • Hinweise auf Römerbrief: 1,1–4,25 ≈ 5,1–8,39 ≈ 12,1–16,23 (251 / 255 / 262 Zeilen)
  • ähnlich Johannesevangelium: 1,1–6,71 ≈ 7,1–12,50 (624 / 636 Nestle-Zeilen).
1983 Weiterarbeit zum Matthäusevangelium auf der Basis von GNT3- statt Nestle26-Zeilen:
  • Mt 9,35–18,35 als mittlerer Hauptteil, Gleichnisrede 13,1–52 als Symmetrieachse;
  • Verhältnis des Goldenen Schnitts: Mt 8,1–9,34 / 5,1–7,29 (147/240 Zeilen) = 0,6125!
  • Frage: Wie können antike Autoren solche subtilen Proportionen realisieren?

Stichos-Maß und Fibonacci-Reihe

1986 Entdeckung: in Apg entsprechen 18 GNT-Zeilen zufällig rund 21 Stichoi:
  • Die Zahl 21 gehört zur Fibonacci-Reihe der Näherungswerte des Goldenen Schnitts.
  • Apg, Mk und Röm scheinen aus Bausteinen mit 21, 13 und 8 Stichoi aufgebaut.
  • Voraussetzung: Neben dem Stichos-Maß mit 16 Silben gab es eines mit 15 Silben.
  • Seither Rekonstruktion der Stichoi-Zahlen: erst durch Umrechnung der GNT-Zeilen;
  • danach sukzessiv am Computer: Abteilen des GNT-Texts in 15-Silben-Zeilen.
1987–
1993
Insgesamt 24 Exegesen zu Predigtperikopen in Gottesdienstpraxis (Gütersloh), darin erste Ergebnisse:

Epheserbrief als erstes Exempel

1994 Erster Versuch einer stichometrischen Kompositionsanalyse am Beispiel Epheserbrief
(1996 Prof. Käsemann zum 90. gewidmet, Prof. Hengel zum 70., unveröffentlicht):
  • Aufbau insgesamt mit 21-Stichoi-modulus, Zeilensumme 17x21 = 357 Stichoi;
  • Eph 4,1–16 als Mitte, in der sich soteriologisches und ethisches Thema überlappen;
  • die Teile davor (1,1–3,21) und danach (4,17–6,24) exakt gleich lang (je 160 Stichoi);
  • Vermutung, dass sich darin die Symmetrie von Körper- und Tempelbau abbildet;
  • weitere stichometrische Hinweise zu Mk, Röm, Apk und zu einem Cicerobrief (130 kB).
1999 Aufsatz Schreiben nach Maß (358 kB) mit programmatischer Darstellung des Ansatzes:
  • Durchsicht aller erreichbaren Belege zur antiken Stichometrie;
  • Funktion des Stichos-Maßes speziell im Rhetorikunterricht und für die Autoren;
  • Nachweis, dass die Zahlen der Fibonacci-Reihe schon in der Antike bekannt waren.
2003 Artikel Stichometrie: erst im Calwer Bibellexikon, Kurzfassung 2004 auch in RGG4.
2004 Ebenmaß im Epheserbrief (440 kB): Neufassung der Analyse 1994/96, nunmehr veröffentlicht.

Bewährung an Markus und 1. Petrus

2006 Studie Maßarbeit im Markus-Aufbau, erste Fassung für Prof. Hengel zum 80. Geburtstag;
2009 Druckfassung in zwei Teilen (I. Literarische Analyse (1,2 MB), II. Theologische Interpretation (448 kB)):
  • Fortschritt gegenüber 1977: jetzt auf Stichos-Basis und mit Fibonacci-Proportionen;
  • Aufbau insgesamt mit 34-Stichoi-modulus, Zeilensumme 48x34 = 1632 Stichoi;
  • Galiläa- und Judäa-Teile (1,14–8,21 / 10,1–16,8): jeweils exakt 21x34 = 714 Stichoi;
  • die Markus-Komposition als literarisches Kunstwerk und als theologische Leistung.
2009 Stichometrische Analyse von 1. Petrus (448 kB) (bisher unveröffentlicht):
  • einheitlicher Aufbau in drei Teilen, nach theologischen Gesichtspunkten gegliedert;
  • 21-Stichoi-modulus mit insgesamt 13x21 = 273 Stichoi;
  • ähnlich in Matthäus, Lukas, Römer, Jakobus: (Teil-)Summen mit 273 und 8x34 = 272.

Gesamtbild im Internet

2010 Einrichtung der Internet-Seite www.stichometrie.de:
  • Darstellung der stichometrischen Tabellen, zunächst für Mk, 1Kor, Eph, Jak und 1Pt.
  • Vorläufige Hinweise zu Mt, Lk, Apg und Röm, insgesamt also zu 9 von 27 Schriften.
  • Ankündigung entsprechender Tabellen fürs ganze NT.
  • Raum zur Ausweitung der „Wolke der Zeugen“ auf antike Literatur allgemein.
  • Ziel: Akzeptanz der stichometrischen Fragestellung als Hilfsmittel für die Exegese.
2011 Fertigstellung weiterer Gliederungstabellen:
  • Galater (256 kB) (Januar): insgesamt 16x21 = 336 Stichoi; Mittelteil (3,1–4,31) 16x8 = 128.
  • Offenbarung (1.0 MB) (Januar): insgesamt 40x34 = 1360 Stichoi; besonders auffallend:
    Zeilenzahl 1260 = 60x21 für 1,17b–22,5 (Buchkorpus) = Zahl der Tage in 11,2; 12,6!
  • Römer (849 kB) (April): insgesamt 30x34 = 1020 Stichoi; davon 1,16–11,36: 21x34 = 714.
  • Matthäus (692 kB) (Mai): zus. 78x34 = 2652 Stichoi, davon 9,35–18,35: 26x34 = 1/3 von Mt.
  • Philipper (252 kB) (Juli): zus. 7x34 = 238 Stichoi, davon 1,27–3,21: 6x21; 1,1–11 + c.4: 6x13.
  • Johannes (1.2 MB) (Okt.): 63x34 = 2142 Stichoi, davon 1,19–12,50: 3x13x34; Rest: 3x8x34.
2012
2013
2014
  • Apostelgeschichte (1,7 MB) (Dez.): 82x34 = 2788 Stichoi; davon 1,1–11 = 1x34 (modulus);
    1,12–11,18 = 31x34; 11,19–19,22 = 23x34; 19,23–28,31 = 27x34 Stichoi = 1/3 von Apg.
  • 2./3. Johannes (223 kB) (Dez.): Zeilensumme = 34 bzw. 35 Stichoi, aus 8 (bzw. 9) + 21 + 5.
2015 Damit ist die stichometrische Analyse von allen 27 Schriften des NT abgeschlossen.
2016 Durchsicht und Überarbeitungen der Gliederungstabellen

Veröffentlichungen zu Stichometrie und Symmetrie

von Friedrich Gustav Lang

Gustav Lang, Führer durch das Kloster Maubronn. 9. Neuauflage 1963.
Durchgesehen und berichtigt von Friedrich Lang. Brackenheim, 63 Seiten.

Sola gratia im Markusevangelium. Die Soteriologie des Markus nach 9,14–29 und 10,17–31. (809 kB)
In: Rechtfertigung. Festschrift für Ernst Käsemann.
Herausgegeben von J. Friedrich, W. Pöhlmann, P. Stuhlmacher. Tübingen 1976, 321–337.

Kompositionsanalyse des Markusevangeliums. (1,2 MB)
Zeitschrift für Theologie und Kirche 74, 1977, 1–24.

„Über Sidon mitten ins Gebiet der Dekapolis“. Geographie und Theologie in Markus 7,31. (937 kB)
Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 94, 1978, 145–160.

Jubilate: Apostelgeschichte 17,22–28a(28b–34).
Pfingstmontag: Apostelgeschichte 2,22–23.32–33.36–39. (162 kB)

In: Gottesdienstpraxis, Serie A, VI. Perikopenreihe, Band 4: Ergänzungsband Exegesen.
Gütersloh 1989, 92–94. 109–111.

13. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 10,25–37. (205 kB)
In: Gottesdienstpraxis, Serie A, I. Perikopenreihe, Band 4: Exegesen,
Gütersloh 1990, 136–139.

Himmelfahrt: Apostelgeschichte 1,3–4(5–7)8–11.
Pfingstsonntag: Apostelgeschichte 2,1–18.
12. Sonntag nach Trinitatis: Apostelgeschichte 9,1–9(10–20). (229 kB)

In: Gottesdienstpraxis, Serie A, II. Perikopenreihe, Band 4: Exegesen.
Gütersloh 1991, 97–100. 103–107. 144–147.

4. Advent: Lukas 1,26–33(34–37)38.
3. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 15,1–3.11b–32. (192 kB)

In: Gottesdienstpraxis, Serie A, III. Perikopenreihe, Band 4: Exegesen.
Gütersloh 1992, 14–17. 123–126.

Kantate: Apostelgeschichte 16,23–34.
6. Sonntag nach Trinitatis: Apostelgeschichte 8,26–39.
12. Sonntag nach Trinitatis: Apostelgeschichte 3,1–10
16. Sonntag nach Trinitatis: Apostelgeschichte 12,1–11. (316 kB)

In: Gottesdienstpraxis, Serie A, IV. Perikopenreihe, Band 4: Exegesen.
Gütersloh 1993, 96–98. 129–132. 151–153. 162–164.

Ebenmaß im Epheserbrief – Stichometrische Kompositionsanalyse,
mit einem Anhang zu Ciceros Brief Ad familiares 7,1 (130 kB).
Ernst Käsemann zum 90. am 12.07.1996, Martin Hengel zum 70. am 14.12.1996
(bisher unveröffentlicht, 40 Seiten + 10 Doppelseiten Textbeigaben).

Schreiben nach Maß – Zur Stichometrie in der antiken Literatur. (358 kB)
Novum Testamentum 41, 1999, 40–57.

Art. Stichometrie. Calwer Bibellexikon, Neuauflage 2003, 1274–1275.

Ebenmaß im Epheserbrief. Stichometrische Kompositionsanalyse. (440 kB)
Novum Testamentum 46, 2004, 143–163.

Ebenmaß im Epheserbrief. Ein Beispiel für Stichometrie in Kunstprosa.
In: Lyrik – Kunstprosa – Exil. Festschrift für Klaus Weissenberger zum 65. Geburtstag.
Herausgegeben von Joseph P. Strelka. Tübingen 2004 (= Edition Patmos Band 9), 143–162.

Art. Stichometrie. Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage, Band 7, 2004, 1732.

Erbauung nach Plan im 1. Petrusbrief. Theologische und stichometrische Kompositionsanalyse (448 kB)
(abgeschlossen 2009, unveröffentlicht), 24 Seiten.

Maßarbeit im Markus-Aufbau. Stichometrische Analyse und theologische Interpretation.
Teil 1 (1,2 MB): Biblische Notizen Nr. 140, 2009, 111–134; Teil 2 (448 kB): Nr. 141, 2009, 101–115.

Abraham geschworen – uns gegeben. Syntax und Sinn im Benediktus (Lukas 1.68–79). (196 kB)
New Testament Studies 56, 2010, 491–512.

Disposition und Zeilenzahl im 2. und 3. Johannesbrief. (1,2 MB) Zugleich eine Einführung in antike Stichometrie,
Biblische Zeitschrift NF 59, 2015, 54–78.